Interview mit demBasketball-Team
Luzie und Lea
Interviewer: Luzie , Lea , Kl. 7 und 8
Interview-Partner: Volker Siegling (Mannschaftsbetreuer, Vertreter in int. Gremien),
Andreas Hundt (Bundestrainer), Wolf-Dieter Rabast (Bundestrainer), das gesamte Basketball-Team
Ort: Taipei Gymnasium, Songshan District, Taipei City
Datum: 7. September, 2009
Wolf-Dieter Rabast: ,,Was bedeutet es, gehoerlos zu sein. Gehoerlos zu sein bedeutet erst mal, nichts hoeren und, jetzt kommt das Wichtigste, keine Sprache aufzunehmen ueber das Gehoer. Das bedeutet, wenn ihr denkt ,,ahhhh, hoert nichts, aufschreiben”, versteht er auch nicht, weil,wenn ein Kind von Geburt an gehoerlos ist und aufwaechst, muss es kuenstlich Sprache lernen. Also , das Sprechen wird gelernt in der Gehoerlosen-Schule, ueber den Spiegel und so weiter, das ist das Erste. Das ist schwer, also die Artikulation. Das zweite ist, der Satzbau ist nicht wie bei hoerenden Kindern, sondern es ist schwerer fuer alle in der Schule, das aufzunehmen und das bedeutet, unsere gehoerlosen Spieler koennen nicht gleich deutsch lesen, wie wir Hoerenden lesen koennen. Wir in der Gehoerlosen- Schule bemuehen uns immer, die Saetze so zu schreiben, kurze Saetze, dass alle es verstehen koennen. Also, Beispiel : Wenn man ganz lange Saetze macht mit Komma, Komma, Komma, dann ist der Zusammenhang verloren. Wir muessen z.B immer kurze Saetze machen, dann wird es klar. Auch die Woerter, die Bedeutungen der Woerter, sind manchmal nicht allen klar. Muss man dann schreiben und erklaeren. Das ist das Wichtige. Also, das ist Thema“gesprochene Sprache“.
Zweites Thema“ Gebaerden- Sprache“. Gebaerden- Sprache ist nicht international. Also die Deutschen haben andere Gebaerden als die Venezuelaner oder die Japaner oder die Amerikaner oder die Franzosen. Das ist wie bei den Hoerenden auch. Die Deutschen sprechen deutsch, die Franzosen sprechen franzoesisch, das ist so und das ist bei den Gehoerlosen auch so. Aber , wenn Gehoerlose aus verschiedenen Laendern sich treffen, koennen sie viel schneller kommunizieren als wir Hoerenden. Wir Hoerenden hier, in Taipei, wenn wir mit den Bewohnern in Taiwan sprechen…wir schauen. Wenn die Gehoerlosen die taiwanesischen Gehoerlosen treffen, das laeuft. Das braucht ein bisschen Zeit, aber es laeuft.
Ganz kurz weg, Thema weg, ganz kurz Thema „ Sport“. Das Problem fuer unsere Spieler ist, sie koennen nichts hoeren, dass bedeutet, wenn wir Hoerenden Basketball spielen und dribbeln zum Beispiel, bekommen wir Informationen vom Boden zurueck auf das Ohr oder Information, wie ueber die Halle oder Information, wenn wir werfen, ,,rebumb” wir hoeren, wie stark ist es oder kommt er weich oder hart, das bekommen unsere Spieler nicht. Sie muessen nur auf ihre Augen vertrauen, aber auf dem Spielfeld ist die Kommunikation ein Problem, hoerende Mannschaften rufen sich schnell ,, Hey, da kommt einer”. Koennen wir nicht machen. Wir muessen immer winken, wenn er nicht schaut, Pech. Das ist auch ein Problem fuer uns Trainer, wir stehen immer so da, wollen Informationen bringen, wenn er nicht schaut, Pech fuer uns.”
Andreas Hundt: Ich glaube manchmal, die gucken nicht, weil sie es nicht wollen. (Gelaechter)
Wolf-Dieter Rabast: ,,Soviel als Grundthema, dass ihr eine Hintergrundinformation habt: Was bedeutet es eigentlich, gehoerlos zu sein. Unsere Spieler sind alle keine Profis, sie haben normale Berufe, arbeiten und machen es in ihrer Freizeit. Und wir treffen uns drei-,viermal im Jahr fuer vier Tage, dass ist sehr wenig. Die anderen Mannschaften z.B., wir haben gehoert, Venezuela hat sich vorher 9 Monate lang zusammen getroffen, haben jede Woche trainiert, am Wochenende sind die Spieler heim gefahren und sind wieder gekommen. Die spielen fast blind zusammen. Also dafuer spielen wir gut, dass muss man auch so sehen. Oder die andere Mannschaft Litauen, wohnen alle zusammen in der Hauptstadt Vilnius. Die spielen jeden Tag zusammen. Was sollen wir da machen ? Aber dafuer hat die Mannschaft heute gut gekaempft.”
(Kl.7 und 8 stimmen zu)
Lea C.: ,,Sie haben aber trotzdem ein sehr gutes Spiel hingelegt, wir sind sicher, dass es naechstes Mal besser klappt. Was bedeutet das jetzt fuer ihre Mannschaft ?”
Ingo Grothmann: ,,Viel. Unter die ersten Acht zu kommen, dass haben wir nicht erreicht, aber vom Spiel her heute, wir haben alles gegeben und mehr war fuer uns halt nicht mehr drinnen.
Wolf-Dieter Rabast: ,,Wir hatten auch von Venezuela keine Ahnung, wir waren ueberrascht, dass sie so stark sind. Jetzt muessen wir halt Platz 9-12 probieren.
Lea C.: ,,Wie sind Sie zu dem Sport gekommen, also warum haben Sie es gewaehlt ?”
Mesut Arslan und Benjamin MacNeil :,, Weil ,Basketball ist schoen, weil es so verschieden ist, das Passen, das Werfen, das Laufen, dass ist alles drin.,,
Andreas Hundt : ,, Fussball kann jeder !” (Gelaechter)
Benjamin MacNeil :,,Beim Fussball ,entweder man spielt oder man sitzt auf der Bank, aber beim Basketball, immer Wechsel, das ist schoen.”
Lea C.:,, Wie verstaendigen Sie sich mit Ihren Mannschaftskameraden waehrend des Spiels ?”
Benjamin MacNeil : ,,Ueber die Mimik zum Beispiel kommunizieren wir.”
Wolf-Dieter Rabast: ,, Oder, wenn mal kurze Pause ist und der Schiedsrichter pfeift, dann kommunizieren sie.”
Ingo Grothmann : ,,Immer der Blickkontakt zwischen den Spielern oder Koerpersprache.”
Wolf-Dieter Rabast (uebersetzt fuer Mesut Arslan): ,, Also, er und die anderen Spieler auch, spielen alle in einem hoerenden Verein. In einer hoerenden Mannschaft, das muss sein, damit sie die Technik, die Taktik und moeglichst viel Praxis erhalten. Und die fassen ihn an und sagen dann ,, Hey, bleib !” oder ,,Hey, komm!”, so kommunizieren dann die Hoerenden mit ihm.”
Lea C.: ,, Wie lange treiben Sie diesen Sport schon ?”
(Gelaechter)
Ingo Grothmann : ,, Ich spiele schon 25 Jahre, ich bin der Aelteste hier.”
Benjamin MacNeil : ,, Ich spiel auch schon seit 15 Jahren.”
Wolf-Dieter Rabast : ,,Matthew ein Jahr, also die spielen alle schon lang Basketball.”
Frau Schiesske : ,, Welche Berufe ueben sie normalerweise aus ?”
Wolf-Dieter Rabast : ,, Also, Michael ist gerade fertig mit der Schule und naechstes Jahr macht er eine Ausbildung, Elektroniker, Unternehmensberater ( Fabian), Maschinenbauer (Mesut), Informatiker (Benjamin), Elektroniker (Roberto), Technischer Zeichner beim Airbus in Hamburg(Matthew), Malermeister (Ingo), Technischer Zeichner.
Wie ist die Mannschaft zusammengekommen und wie lange spielen wir zusammen ?, Das ist ganz einfach, diese Frage kann ich dir beantworten oder der Andreas beantwortet das am besten.”
Andreas Hundt : ,, Also, wir kommen im Jahr viermal zusammen fuer vier Tage. Und wie lange spielen wir, das ist natuerlich unterschiedlich, manche, also es kommen neue dazu, manche sind schon ausgeschieden, aber die meisten Spieler sind schon viele Jahre dabei.”
Wolf-Dieter Rabast : ,,Bei Wettkaempfen, zum Beispiel die Deaflympics, hier in Taipei, haben angefangen am 5. September und dauern bis zum 15. September, solange sind wir zusammen. Dann fliegen wir wieder zurueck und jeder geht in seine Stadt. Dann sehen wir uns plus drei Tage Vorbereitung noch dazu, hier in Taipei, weil, wir sind das Wetter nicht gewohnt, deswegen sind wir vorher schon gekommen. Wir kommen ja aus einem kalten Land, kommen hier her und dann boahh (heiss), das ist schon eine Ueberraschung fuer alle. Und natuerlich, wir probieren auch was anderes zusammen zu machen, z.B. natuerlich Pech, heute haben wir verloren, aber wir haben auch irgendwie ein kleines Geschenk bekommen: jetzt haben wir drei Tage frei (Gelaechter vom Publikum), haetten wir gewonnen, haetten wir zwei Tage frei.”
Die Frage ist ,,Wer bezahlt alles ?” Also erstens, das Geld, das ist natuerlich ein Zuschuss, das kommt vom Bundesministerium des Inneren, kurz B.M.I genannt, das wird unterstuetzt und der Staat. Also, wenn wir zum Beispiel Lehrgang machen vier Tage, dann wird die Schlafstelle, also Unterkunft und Verpflegung, wird bezahlt. So, wenn wir hier hinfahren, alles wird bezahlt. Aber, und das ist ein grosses ABER, unsere Spieler muessen bei jedem Lehrgang, also wenn wir zum Beispiel in Hannover im Olympiastuetzpunkt Treffen machen fuer vier Tage, muessen sie immer ein Teil Geld zuschiessen. Und hier in Taipei muessen die Spieler, jeder Einzelne, musste 400 Euro dazubezahlen. Also, sie muessen auch selbst schon was dazubezahlen und sie muessen natuerlich ihren Urlaub opfern. Die Zeit jetzt hier, da haben sie Urlaub genommen.
,,Welche Erfolge hatten wir schon?” Also, das ist verschieden, weil das muss man ja immer ueber die Jahre rechnen, wir waren schon mal zum Beispiel bei den Deaflympics 1993 in Sofia, waren wir Vierter, da waren wir im kleinen Finale gegen Israel. Da haben wir mit einem Punkt verloren in der letzten Sekunde. Im Jahr drauf in Kopenhagen waren wir Sechster und das Jahr drauf in Rom waren wir Siebter und letztes Mal Deaflympics in Melbourn waren wir nicht qualifiziert, weil wir nicht gut gespielt haben. Und dieses Mal muessen wir noch abwarten. Aber wir haben, alle haben das gefuehlt und gesehen, das internationale Niveau ist angehoben. Das Problem fuer uns ist, wenn wir uns immer nur drei-,viermal am Wochenende treffen, das ist schwer, da aufzuheben.
Frage ist ,,Wie sage ich es euch: Wir treffen uns heute hier?”. Normalerweise: Hoerende telefonieren. Frau Pux hat mich gestern angerufen, ‚ blablabla’, alles klar. Ich habe es heute den Spielern gesagt:“ Heute: Spiel vorbei, duschen, treffen wir uns und dann kommen wir hierher.“ Aber, wenn die Spieler untereinander kommunizieren, alle, das ist Pflicht sozusagen, Handy ,SMS oder E-mail, auch E-mail oder Fax oder Internet, Web-Cam, unsere Spieler telefonieren praktisch mit ihren Familien zuhause ueber die Web-Cam und dann koennen sie sich live unterhalten.
Thomas H. : ,,Ist es so, wenn die Leute nicht hoeren koennen, dass sie dann besser sehen ?”
Andreas Hundt : ,,Schoen waers !”
(Spieler lachen)
Andreas Hundt : ,,Nein!”
Wolf-Dieter Rabast :,, Also, das Problem ist, das Ohr, das ist ein Rundumorgan. Ich hoere die da oben quatschen, das bedeutet, ich kann nur das aufnehmen, was hier in meinem Blickfeld ist.
Frage,, Hat es lange gedauert, die Gebaerdensprache zu lernen ?” Fuer unsere Freunde hier kuerzer, weil zum Beispiel Robertos Eltern sind auch gehoerlos. Das ist normal, Kinder wachsen auf, schnell. Unterschied ist immer, wenn es hoerende Eltern sind und gehoerlose Kinder.
Frage ,,Wie fuehlt ihr euch, wenn ihr ins Spiel geht, also, wenn das Spiel anfaengt ?”
Roberto(Wolf-Dieter Rabast uebersetzt): ,, Also, er hat keine Angst. Also, er ist froh, dass er spielt. Er will einen Erfolg, dass wir es schaffen.”
Wolf-Dieter Rabast: ,, Aber ich denke, das ist bei jedem Spieler anders. Ich zum Beispiel, vor dem Spiel bin auch nervoes. Ja, weil, wir wissen nicht, was kommt und so. Wenn das Spiel anfaengt, ist alles vorbei. Dann ,alles cool.“
Luzie V. : ,,Gibt es Situationen im Leben ,die Ihnen durch ihre Behinderung schwerer fallen ?”
Volker Siegling (Wolf-Dieter Rabast uebersetzt) : ,, Fernsehen, Radio, Bahnhof, hoert man nichts. Die Informationen gehen vorbei.
Wolf-Dieter Rabast:,, Die Arbeitskollegen wissen immer, was gibt es Neues, aber er schafft es auch nicht, die Zeitung zu lesen. Sie gehen auch nicht in die hoerende Gesellschaft, weil die Kommunikation einfach nicht klappt.“
Frage ist ,, In der Umkleidekabine, Besprechung, was laeuft da ab, ob wir auch schreien? Ja. Also, wir erklaeren vor dem Spiel die Taktik und dann wird es besprochen.“
Andreas Hundt:“ Normalerweise ist die Tafel von oben bis unten beschrieben mit den wichtigsten Informationen, wie ist die Strategie im Spiel. Das Problem ist, vielleicht habt ihr heute gesehen, ich hab irgendwann so gemacht. Wir haben das besprochen vorher, (macht etwas vor) das war eine bestimmte Strategie. Wenn aber einer das nicht verstanden hat bei der Auszeit, dann hatte er keine Ahnung. Wenn er das hoert, hoeren, man kann nicht weghoeren, aber man kann wegschauen. Das ist das Problem.
Frau Pux: ,,Dann bedanken wir uns ganz herzlich, es war super und hat uns sehr viel Neues eroeffnet und dass Sie sich trotz des Spiels noch so viel Zeit fuer uns genommen haben.”
(Publikum klatscht bzw. wedelt mit den Haenden)
